,,Entweder Kapitalismus oder Sozialismus" - ein politisches Spiel mit falschen Alternativen
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- Kategorie: Politik International
- Veröffentlicht am Donnerstag, 08 März 2012 22:18
von Friedrich Müller-Reißmann
Wenn ich wählen müsste, entweder auf einer Parkbank inmitten einer umtriebigen Weltstadt zu verenden oder in einem Gulag am Rand der Welt, würde ich die Parkbank vorziehen. Andererseits: Wenn ich die Wahl hätte zwischen einer Welt ohne Elend und ohne Glamour und einer Welt mit Glamour und mit Elend, würde ich die Welt ohne Elend vorziehen und gern auf den Glamour verzichten. Doch glücklicherweise stehe ich nicht vor solchen absurden Alternativen. Man könnte noch viele Wahlsituationen dieser unsinnigen Art konstruieren. Sie sind nicht unsinniger als die geläufige Gegenüberstellung von „Kapitalismus“ und „Sozialismus“. Doch hier scheint marxistische wie antimarxistische Propaganda den Verstand bei vielen derart vernebelt zu haben, dass sie nicht aus diesem Entweder-oder-Klischee herausfinden.
Wir haben hier ein Musterbeispiel für das beliebte Verwirrungsspiel mit „falschen Alternativen“. Sie gehören zu den wirkungsvollsten Methoden der politischen Irreführung. Warum um alles in der Welt muss ich den Sozialismus lieben und anstreben, wenn ich den Kapitalismus hasse und zu überwinden trachte?! Und warum darf ich den Kapitalismus nicht antasten, wenn ich den Sozialismus verabscheue?! Wieso „kommt“ nach dem Kapitalismus der Sozialismus?? Wieso muss ich mir die marxistische Mythologie von einer festen historischen Abfolge vorgegebener „Gesellschaftsordnungen“ zueigen machen, anstatt mir selbst das Leitbild einer wünschenswerten Zukunft zu entwerfen und dafür einzutreten? Wie kann man nur meinen, neben dem „Kapitalismus“ gäbe es nur den „Sozialismus“ und umgekehrt, sodass man jeden Kapitalismuskritiker der Sympathie mit dem Sozialismus verdächtigen und jeden Sozialismuskritiker vor den Karren des Kapitalismus spannen darf? In den USA nehmen gegenwärtig dieses Entweder-oder-Klischee und die darauf fußenden Grabenkriege geradezu skurrile Formen an, indem selbst schon eine allgemeine Krankenversicherung als „Socialism“ diffamiert wird. In der alten Sowjetunion war jeder, der auch nur einen Hauch von Kritik am System zu äußern wagte, ein „Agent des Klassenfeindes“.
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