We Are Change Switzerland - ,,Entweder Kapitalismus oder Sozialismus" - ein politisches Spiel mit falschen Alternativen

   Du hast einen Menschen nicht überzeugt, weil du ihn zum Schweigen gebracht hast. - John Morley

,,Entweder Kapitalismus oder Sozialismus" - ein politisches Spiel mit falschen Alternativen

Gero Jenner |,,NIEDER MIT DEM KAPITALISMUS. ES LEBE DER SOZIALISMUS" stand auf dem Spruchband. ,,Nein", dachte ich, als ich das las, ,,der Kapitalismus soll verschwinden und der Sozialismus bleiben, wo er ist: in unbelehrbaren Köpfen!"

von Friedrich Müller-Reißmann

In den ,,gesellschaftswissenschaftlichen" Seminaren, die ich seinerzeit als Student der Physik an der Universität Leipzig besuchen musste, wurde mir unablässig eingehämmert, dass der ,,Hauptinhalt unserer Epoche" im ,,Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus" bestünde. Den Studenten der anderen Fachrichtungen ging es zu DDR- Zeiten nicht besser. - Nun, die Geschichte folgte nicht der marxistischen Geschichtsideologie. Indes, die Propagandamühlen haben nicht vergebens geklappert. Noch immer sehen viele keine andere Alternative zum Kapitalismus, wenn er doch eines Tages sein Ende findet, als den ,,Sozialismus".

Wenn ich wählen müsste, entweder auf einer Parkbank inmitten einer umtriebigen Weltstadt zu verenden oder in einem Gulag am Rand der Welt, würde ich die Parkbank vorziehen. Andererseits: Wenn ich die Wahl hätte zwischen einer Welt ohne Elend und ohne Glamour und einer Welt mit Glamour und mit Elend, würde ich die Welt ohne Elend vorziehen und gern auf den Glamour verzichten. Doch glücklicherweise stehe ich nicht vor solchen absurden Alternativen. Man könnte noch viele Wahlsituationen dieser unsinnigen Art konstruieren. Sie sind nicht unsinniger als die geläufige Gegenüberstellung von „Kapitalismus“ und „Sozialismus“. Doch hier scheint marxistische wie antimarxistische Propaganda den Verstand bei vielen derart vernebelt zu haben, dass sie nicht aus diesem Entweder-oder-Klischee herausfinden.

Wir haben hier ein Musterbeispiel für das beliebte Verwirrungsspiel mit „falschen Alternativen“. Sie gehören zu den wirkungsvollsten Methoden der politischen Irreführung. Warum um alles in der Welt muss ich den Sozialismus lieben und anstreben, wenn ich den Kapitalismus hasse und zu überwinden trachte?! Und warum darf ich den Kapitalismus nicht antasten, wenn ich den Sozialismus verabscheue?! Wieso „kommt“ nach dem Kapitalismus der Sozialismus?? Wieso muss ich mir die marxistische Mythologie von einer festen historischen Abfolge vorgegebener „Gesellschaftsordnungen“ zueigen machen, anstatt mir selbst das Leitbild einer wünschenswerten Zukunft zu entwerfen und dafür einzutreten? Wie kann man nur meinen, neben dem „Kapitalismus“ gäbe es nur den „Sozialismus“ und umgekehrt, sodass man jeden Kapitalismuskritiker der Sympathie mit dem Sozialismus verdächtigen und jeden Sozialismuskritiker vor den Karren des Kapitalismus spannen darf? In den USA nehmen gegenwärtig dieses Entweder-oder-Klischee und die darauf fußenden Grabenkriege geradezu skurrile Formen an, indem selbst schon eine allgemeine Krankenversicherung als „Socialism“ diffamiert wird. In der alten Sowjetunion war jeder, der auch nur einen Hauch von Kritik am System zu äußern wagte, ein „Agent des Klassenfeindes“.


Es gibt nicht den geringsten Grund, zu glauben, dass das Ende des Kapitalismus der Anfang vom Sozialismus sei. Das ist eine moderne Variante des Mythos vom Ungeheuer, das sich, wenn man ihm den Kopf abschlägt, automatisch in ein neues Wesen verwandelt: in eine wohltätige, liebenswerte Idealgestalt sagen die einen, in ein noch viel schrecklicheres Ungeheuer, sagen die anderen. Ich behaupte, solange man an diesen Mythos glaubt, dient man der Zementierung des herrschenden kapitalistischen Systems, ganz egal, ob man meint, „nach dem Kapitalismus“ käme bzw. „neben dem Kapitalismus“ existiere nur eine gute, wunderbare Welt oder eine noch schrecklichere. Wer letzteres glaubt, ist von vornherein kein Reformer: Wer wird ernsthaft an der Überwindung des Kapitalismus arbeiten, wenn er befürchten muss, damit dem sich bisher wenig verlockend gezeigten Sozialismus in die Hände zu spielen?

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