We Are Change Switzerland - Klimaforschung und Politik: «Geo- & Climate-Engineering» als technologische Antwort?

   Wirklichen Fortschritt findet man meist dort, wo Menschen in einer bestimmten Situation beschliessen, den Gehorsam zu verweigern. - Franz Kafka

Klimaforschung und Politik: «Geo- & Climate-Engineering» als technologische Antwort?

Laut dem jüngsten Bericht des Weltklimarates (IPCC) ist es für präventive Massnahmen zur Verhinderung der Erderwärmung bereits zu spät. Das Kyoto-Protokoll für den Klimaschutz läuft 2012 aus und die japanische Delegation gab an der UN-Klimakonferenz in Cancún 2010 bekannt, in keinem Fall einer Weiterführung zuzustimmen. Gleichwohl hat eine Gruppe von internationalen Experten nach jahrelangen Experimenten nun grosstechnologische Lösungen zur "Abkühlung" des Klimas parat.

Aus den Berichten der IPPC geht hervor, dass der Mensch seit der Industrialisierung einen grossen Einfluss auf das Klima ausübt. Der Ausstoss von Treibhausgasen soll die hauptsächliche Ursache einer globalen Klimaerwärmung sein, und dieser Erderwärmung gilt es Einhalt zu gebieten. Seit der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro (Earth Summit 1992) wurde die "Agenda 21" und die Klimarahmenkonvention lanciert und verlangt nach einer kommunalen Umsetzung mit der Bezeichnung "Lokale Agenda 21" (Siehe: Agenda 21 - Schweiz).

keystoneDiese Vorraussetzung ermutigt die Klimaexperten nun immer mehr zu einem drastischen, riskanten Einsatz von Grosstechnologien. Obwohl die langfristigen Folgen für die Umwelt kaum abschätzbar sind und die Manipulation des Klimas durch Geoengineering unkontrollierte Kettenreaktionen auslösen könnte, wird dies trotzdem als beste Möglichkeit gesehen eine Klimakatastrophe abzuwenden. Etwas überspitzt könnte man aus diesen Perspektiven einen Präventivkrieg gegen die globale menschengemachte Klimaerwärmung erwarten. Obwohl die klimatischen Verhältnisse die gesamte Menschheit betreffen, sind es die Akademiker welche dieses Terrain für sich beanspruchen und auch in der Politik gehört werden wollen. Im Briefwechsel mit dem Nobelpreisträger und ETH-Professor Andreas Fischlin, welcher in seiner Arbeit als hauptverantwortlicher Autor des IPCC Berichtes  – verantwortlich für ein Kapitel des letzten  IPCC Berichts – mit  seinem Team sorgfältigst etwa 3200 wissenschaftliche Artikel verarbeitet und berücksichtigt hat, ist der renommierte Professor auf folgenden Schluss gekommen:

"Wenn man alle Ihre Argumente und all das was sonst noch alle WissenschaflterInnen der Welt über das Klima rausfinden in Betracht zieht, dann kommt man eben zu folgendem Schluss: Der menschgemachte Klimawandel ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit (>90%) eine  Realität  geworden. [...]Ich würde mir an Ihrer Stelle nicht den Kopf über die Klimawissenschaft zerbrechen, es sei denn, Sie möchten ein Klimawissenschaftler werden." - Prof. Dr. Andreas Fischlin, Terrestrische Systemökologie ETH Zürich

Am 29.11.11 hat die Financial Times Deutschland den Kommentar von Sabrina Schultz (Fellow bei der Stiftung Neue Verantwortung und leitet dort das Projekt Geoengineering) mit dem bemerkenswerten Titel "Klimagipfel in Durban: Schwefelt den Himmel, düngt die Meere" veröffentlicht. Dieser Kommentar führt aus was WeAreChange schon vor längerer Zeit beobachtet und berichtet, nämlich dass die Geoengineering-Methoden bereits lanciert werden:

FTD: Klimagipfel in Durban: Schwefelt den Himmel, düngt die Meere
«Im "Geoengineering" oder auch "Climate-Engineering", dem Eingriff ins Weltklima mittels Großtechnologien, sehen sie eine Möglichkeit, das Weltklima zu retten. Die Wissenschaftler schlagen vor, Schwefelpartikel in der Atmosphäre zu versprühen, damit diese einen Teil des Sonnenlichts ins All reflektieren, um so den Treibhauseffekt zu vermindern. Experimente zur Düngung der Meere mit Eisenspänen, um das Algenwachstum anzuregen und damit das schädliche Kohlendioxid aus der Luft zu binden, finden bereits statt. Ein solches Projekt wurde beispielsweise von Deutschland und Indien 2009 unter dem Namen Lohafex im südwestlichen Atlantik initiiert. Es scheiterte letztlich daran, dass millimetergroße Ruderfußkrebse die Algen als willkommene Nahrungsergänzung betrachteten, und von den Algen daher nicht viel übrig blieb. Letztere konnten daher nicht wie geplant nach ihrem Absterben das Kohlendioxid auf dem Meeresboden speichern.

[...]

Der Einsatz von Großtechnologien für das Weltklima ist zweifellos extrem risikobehaftet, seine langfristigen Folgen sind kaum abschätzbar. Es stellt sich zum Beispiel die Frage, wie Geoengineering-Projekte wieder eingestellt werden können, ohne dadurch eine Klimakatastrophe zu provozieren. Auch ist unklar, welche Wechselwirkungen im Klimasystem ausgelöst werden. Eine unkontrollierte Kettenreaktion in der Atmosphäre müssen wir unter allen Umständen vermeiden. Und sowohl die enormen Kosten wie auch die Regulierung von Geoengineering auf internationaler Ebene sind noch vollkommen ungeklärt.

Trotzdem dürfen wir keine Option ausschließen, um den Klimawandel zu stoppen. Das derzeitige Nichthandeln im Klimaschutz könnte schlimmer sein als der Einsatz von Geoengineering. Wir müssen also die Risiken gegeneinander abwägen. Geoengineering kann dabei Bestandteil einer verantwortlichen Vorsorgepolitik sein.»

Korrespondenz mit Prof. Thomas Peter vom Institut f. Atmosphäre und Klima (ETH Zürich)

ETHZAuf Anfrage, was nun der Stand der Forschung sei, hat uns Prof. Thomas Peter bereitwillig Auskunft gegeben. Seit der Publikation «The impact of geoengineering aerosols on stratospheric temperature and ozone» (dt.: Der Einfluss von biogeochemischen Aerosolen auf die Temperatur in der Stratosphäre und den Ozon) und jener von Jeffrey R. Pierce «Efficient formation of stratospheric aerosol for climate engineering by emission of condensible vapor from aircraft» (dt.: Effiziente Formation der stratosphärischen Aerosole für klimatische Veränderungen über die Emission kondensierender Dämpfe aus Flugzeugen) wurden laut Professor Peter keine weiteren Forschungen mehr gefördert. Seines Erachtens, wären die Forschungen in diesem Bereich noch zu wenig weit um schon von der Umsetzung der grosstechnologischen Lösungen des Geo-und Climate-Engineering zu sprechen. Die Wissenschaft sei noch mit der Frage beschäftigt, die Verklebung der ausgebrachten Aerosolen zu analysieren und bessere Lösungen zu entwickeln. "Der gewünschte Effekt würde nicht eintreten wenn die Aerosole verkleben und zu Boden fallen", so Prof. Peter.

Die Aerosole gelten als Klimakühler, die einen Teil der Erdwärmung durch die Treibhausgase wieder ausgleichen. Diese Schwefelpartikel sollten das Abregnen einer Wolke und verlängern ihre Lebensdauer. Bis jetzt wurden vor allem Geoenigneering-Methoden mit Schwefelpartikeln ins Auge gefasst, es gibt jedoch auch Klimawissenschaftler welche künstliche Aerosole vorschlagen. "Aluminium-Oxyd gilt nicht direkt als Gesundheitsschädlich und könnte einfach wieder ausgehustet werden", erklärt Prof. Thomas Peter und meint, dass ihm diese künstliche Variante "nicht sympathisch" ist und er die Auswirkungen auf die Gesundheit nicht abschätzen kann. Seines Wissens sind noch keine grosstechnologischen Geoengineering-Experimente - weder in Europa, noch in den USA - durchgeführt worden, welche die Ausbringung von natürlichen oder künstlichen Aerosolen testeten. Auf die Frage hin, ob auch Überlegungen von Barium-Emissionen auf wissenschaftlicher Ebene angestellt werden, konnte Prof. Peter keine Auskunft geben, da er noch keine seriöse wissenschaftliche Publikation darüber gefunden hatte. "Diese Theorie der Bariumemissionen wird vor allem im verschwörungstheoretischen Kontext aufgegriffen", meint Prof. Peter. Einzig das Alfred-Wegener-Institut für Polar und Meeresforschung hat Experimente mit Eisendüngungen des Oberflächenwassers bestimmter Gebiete der Ozeane mit dem Ziel durchgeführt, das Algenwachstum zu fördern.

"Im Zuge der aktuellen Versuche, unnötige Kohlenstoffdioxidemissionen zu vermeiden bzw. Kohlenstoffdioxid der Atmosphäre zu entziehen, wird hier versucht, über die Photosynthese der global wichtigsten Biomasseproduzenten, den Algen, der Atmosphäre Kohlendioxid zu entziehen. Mehrere derartige Versuche wurden bereits durchgeführt und die limitierende Wirkung des Mikronutrienten Eisen konnte ausreichend bestätigt werden."
(Quelle: Wiki)


Berichte über Geo-Engineering:
BR-Online, N-TV.de, Rhein-Zeitung, Focus Online, GEO.de

UK House of Commons: "Geoengineering Regulationen" (PDF):
Science and Technology  Committee - Fifth Report
Ordered by the House of Commons to be printed 10 March 2010


Dokument des Rates der Auswärtigen Angelegenheiten über Geo-Engineering (PDF):

Unilateral Geoengineering Non-technical Briefing Notes for a Workshop
At the Council on Foreign Relations
Washington DC, May 05, 2008

Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (Forschungsarbeiten/Studien):
Abschätzung des Klimaeinflusses von Aerosolschichten
Einfluss von Luftfahrtemissionen auf die Tropopausenregion
How does transport change climate
CONTRACE (Konvektiver Transport in die obere Troposphäre) - BMBF/AFO2000
ALPNAP - Luftverunreinigung und Lärm in den Alpen


Beiträge von WeAreChange Switzerland:

Korrespondenz mit den tätigen Professoren 'Atmosphäre und Klima' an der ETH
Briefwechsel mit Nobelpreisträger und ETH-Professor Andreas Fischlin: Apokalyptische Szenarien statt Sachlichkeit
Geo-Engineering - Streifen am Himmel?
What in the World are they spraying? (Deutsch untertitelt)
Geo-Engineering/Chemtrails: Infokampagne